Radikal von Yassin Musharbash


Yassin Musharbash  – Radikal
400 Seiten
Kiepenheuer & Witsch


  • Zum Inhalt

Lutfi Latif, verheiratet mit einer Anwältin, zwei Töchter, ist der Shootingstar der weltweiten Gemeinschaft der Exilmuslime. Geboren in Kairo, studierte in Kairo und Cambridge, machte seinen Doktor in Harvard. Mit seiner Familie lebt er nun in Berlin. Er ist gebildet und wird von allen Seiten respektiert. Er ist in der Lage, seinen Glauben mit den politischen Diskussionen in eine Beziehung zu setzen und versteht es, die Menschen mit seinen Reden zu faszinieren und zu begeistern. Die Berliner Grünen fragen an, ob er bereit wäre, sich für ein Bundestagsmandat zu bewerben und so wird Lutfi Latif wird in den Bundestag gewählt.

Die palästinensische Studentin Sumaya al-Shami ist fasziniert von diesem Mann und erhofft sich vieles von ihm im Hinblick auf die Islamdebatte in Deutschland. Wie viele andere Muslime ist er für sie ein Hoffnungsträger. Sie bewirbt sich auf eine Stelle als persönliche Assistentin, wird unter allen Bewerberinnen als Einzige zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und von Lutfi Latif eingestellt.

Schon wenige Wochen nach der Wahl erhält Lutfi Latif über 60 Drohbotschaften, z.B. von Islamisten, die wie beispielsweise auch Sumayas Cousin Fadi, glauben, dass er sich nach seiner Wahl nicht mehr nur Glauben und Gewissen verpflichtet fühlt, sondern auch dem Fraktionszwang, den Lobbyisten und der Jagd nach Posten. Aber es gehen auch Schreiben ein von Nazis und Islamhassern. Ansgar Dengelow vom BKA, rät Latif, sich zum eigenen Schutz mit einem Sicherheitsunternehmen in Verbindung zu setzen, dazu händigt er ihm eine Liste mit Ansprechpartnern aus. Doch der Politiker bittet Sumaya, nach einer geeigneten Person zu recherchieren, der nicht auf dieser Liste steht und so wird Samuel Sonntag, genannt Samson, engagiert, um die Bedrohungen gegen Latif zu analysieren.

Samson, hat Arabistik studiert und beschäftigt sich seit seinem Studium mit islamistischen Terrororganisationen. Damals lebte er mit Kai, der heute beim Verfassungsschutz arbeitet, in einer WG und wollte eine Magisterarbeit zum Thema Dshihad schreiben. In diesem Zusammenhang geriet er in das engste Umfeld der späteren Attentäter von 9/11, wie z.B. Mohammed Atta. Samson ist nie darüber hinweggekommen, dass er nicht vorausgesehen hat, was diese Menschen damals geplant haben. Heute führt er ein Blog über die islamistischen Terrororganisationen und hält Vorträge. Bei einem dieser Vorträge wird er von einem alten Freund zu einem abendlichen anonymen Salon im gehobenen Rahmen eingeladen. Dort wird er mit Intellektuellen konfrontiert, die die Meinung vertreten, dass es keinen moderaten Islam gibt. Samson ist schockiert.

Kurze Zeit später kommt es während eines Fernsehinterviews zu einer Explosion, Lutfi Latif erliegt den Folgen seiner Verletzungen. Es gibt weitere Todesopfer. Sumaya und Samson haben Glück und werden nicht verletzt, während Merle Schwalb, Samsons Ex-Freundin und Journalisten beim „Globus“, einer der wichtigsten deutschen Zeitungen, leicht verletzt wird.

Die Al-Qaida bekennt sich zu dem Anschlag, doch die Witwe, Fadia Latif, erhält Hinweise, dass Lutfi Latif nicht von Al-Qaida ermordet wurde. Ihr Mann hatte herausgefunden, dass es private Gruppen gibt, deren Ziel es ist, durch provokante Aktionen Muslime in Deutschland zu übertriebenen Reaktionen anzustacheln. Der Kern dieses Netzes nennt sich „Kommando Karl Martell“. Ein Studienkollege von Latif hatte ihm zugetragen, dass er möglicherweise in diesem Zusammenhang Ziel eines Anschlages sein könnte. Samson erinnert sich an seinen Abend im Rahmen des Salons und beginnt zu ermitteln. Er will das Kommando Karl Martell infiltrieren. Samson schafft es, in den innersten Zirkel einzudringen und trifft dort auf hochrangige Politiker und Menschen mit Macht und Geld. Doch dann wird Samson für den Mord an Lutfi Latif verantwortlich gemacht und alle Fakten sprechen gegen ihn. Der „Globus“ erfährt von seiner Verhaftung und arbeitet an einer reißerischen Geschichte über Samson.

Für Sumaya und Merle beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie müssen eine Möglichkeit finden, Samson zu entlasten und gleichzeitig seinen Ruf schützen. Doch welche Rolle alte Freunde von Samson und der Cousin von Sumaya nun spielen, was passiert, weil Ansgar Dengelow durch seine Eheprobleme von seiner Arbeit abgelenkt ist und über welche Macht und Möglichkeiten das Kommando Karl Martell verfügen, müsst Ihr selbst nachlesen.


  • Meine Meinung

Yassin Musharbash hat einen Polit-Thriller geschrieben, der mir einmal „die andere Seite“ zeigt. Ich habe im Fernsehen Berichte zur Islamdiskussion gesehen oder in Zeitungen darüber gelesen. Aber bisher habe ich noch nie versucht, die Situation aus der Sicht der Muslime zu sehen.

Die Vorstellung, dass es Gruppierungen in Europa gibt, die alle Muslime in eine Schublade stecken, sämtliche Vorfälle und Vorgänge verallgemeinern und ist schockierend. Nicht, weil man nicht an diese Einstellungen zu den Menschen glauben mag, sondern vielmehr durch die Radikalität, die sie an den Tag legen. Der Autor zeigt in seinem Buch aber auf, dass es genau so sein könnte. Dass diese Vorstellung gar nicht so abwegig ist, zeigt er an ganz alltäglichen Beispielen, in denen Durchschnittsbürger genau das tun:

Ein Paradebeispiel dafür ist, wie ich finde, ein Erlebnis von Sumaya, welches sich einige Tage nach den Anschlägen vom 11. September zugetragen hat:

Sumaya war einkaufen gewesen an jenem Tag. … An der Kasse überreicht sie dem Kassierer ihre EC-Karte, … und diese Karte funktionierte an diesem Tag nicht, so dass der Kassierer sie mehrmals durch die Kasse ziehen musste, aber erfolglos. Schließlich sah der Mann sich die Karte genauer an. … „Aha. Sind Sie auch eine von denen, oder was? Gefälschte Karte, oder was?

Die Erlebnisse der verschiedenen Personen werden teilweise in Zeitsprüngen dargestellt, aber nie unübersichtlich. Die Erlebnisse der einzelnen Personen sind klar getrennt. Der Leser findet sich schnell zurecht und weiß immer genau, aus welcher Sicht er gerade liest. Der Schreibstil des Autors ist flüssig und toll zu lesen. Das Buch ist von Anfang an spannend. Die Thematik war für mich so faszinierend, dass das Buch nicht zu Ende war, als ich es vor drei Tagen zugeklappt habe, sondern ich seither einige Male über das Gelesene nachgedacht habe.

Daher vergebe ich fünf von fünf Eulen.


  • Zum Autor

Als Journalist kennt sich Yassin Musharbash bestens in der Welt der Medien aus und zeigt auf, wie Medien ihre Macht ausnutzen und ausspielen können.


  • Zum Cover

Das Cover ist in schwarz gehalten. Links groß der Titel und im Hintergrund in rot die Skyline von Berlin mit dem Fernsehturm. Nichts Auffälliges, aber stilvoll und passend, wie ich finde.

2 Gedanken zu „Radikal von Yassin Musharbash“

  1. Pingback: Die besten Bücher 2011 « Die Lautrer

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