EM-Abseits #1 – Frauen und Fußball

Soccer-Blogger und Fußball-Schocker

Das Trainerteam um Mella und Susanne  ist mit zwei Teams und insgesamt 22 „Mann“ in die EM-Vorbereitung gestartet.

Die Soccer-Blogger und die Fußball-Schocker beginnen nun mit dem mehr als 16-wöchigen Endspurt. Die beiden Teams haben ihr Quartier bei Facebook bezogen und in den vergangenen Tagen wurden bereits verschiedene Taktiken vertieft.

Das Thema für das erste Vorrundenspiel lautet Frauen und Fußball.

Frauen und Fußball

Diese beiden Begriffe verbindet die Presse gerne mit dem hübsch geschminkten Frauchen, das ausnahmslos wegen der attraktiven Spieler zum Public Viewing geht, aber nicht weiß, welche „die Unseren“ sind und schon gar nicht, was Abseits ist.

Aber das Thema Frauen und Fußball bietet mehr, als einen reißerischen Aufmacher auf Seite 2 während des Sommerlochs.

Ich habe mich in diesem Zusammenhang mit zwei Punkten beschäftigt, der Frau als Fan und der Frau als Spielerin. Unter dem Stichpunkt „schlau gebloggt“ habe ich mich dazu entschlossen, Euch Wissenswertes zur Geschichte der Frauen-Fan-Kultur und zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland näher zu bringen.

  • Eins, zwei, drei, Frau – Wissenswertes um die 12. Frau
  • Wissenswertes zum Frauenfußball und warum ich mit einem Bundesligatrainer verwandt bin

Eins, zwei, drei, Frau – Wissenswertes um die 12. Frau

Zunächst habe ich mich mit der Geschichte des weiblichen Stadionbesuchers beschäftigt und war erstaunt, denn bereits im Kaiserreich sah man die ersten Frauen am Spielfeldrand.

Nicole Selmer hat ein interessantes Buch geschrieben, dass sich eben mit dieser historischen Spurensuche beschäftigt. Es heißt Watching the Boys Play – Frauen als Fußballfans. Und auf einiges, was Ihr hier lesen könnt, bin ich auf ihrer Seite aufmerksam geworden.

Beim Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1924 wurden in Berlin allein angereiste Damen gesichtet, etwas, was in England damals schon an der Tagesordnung war. Während 1934 auch Frauen mit zur WM nach Italien gereist sind, waren sie in der Nachkriegszeit in die konservative Geschlechterrolle gedrängt.

1958 stellte der HSV fest, dass die weiblichen Fans zu den treuesten gehören, weil sie auch nach einer Niederlage zu „ihrem“ Verein gehalten haben. Anlass zu dieser Feststellung war der freundliche Empfang der Mannschaft nach der Niederlage beim Spiel um die Deutsche Meisterschaft.

Die Frage, warum der Fußballsachverstand von Frauen daran festgemacht wird, ob sie das Abseits erklären können, oder nicht, erklärt sich vielleicht darin, dass die Engländer anlässlich der WM 1966 im eigenen Land mehr Frauen für Fußball begeistern wollten. Sie sind auf die glorreiche Idee gekommen, den Fernsehzuschauerinnen die Regeln des Spieles näher zu bringen, insbesondere eben auch die Abseitsregel.

Ab 1980 tauchen dann auch die ersten gewalttätigen weiblichen Fans auf. Allerdings gibt es bis heute verhältnismäßig wenig Stadionverbote oder Verurteilungen gegen Frauen.

1991 gaben 22% der Frauen an, dass Fußball ihre liebste TV-Sportart ist. 2008 waren es 60%. Von 6,6 Millionen Mitgliedern bei DFB sind über eine Million Frauen. 30,5 Prozent der deutschen Frauen geben an, fußballinteressiert zu sein und die ARD hat ermittelt, dass 30% der Sportschau-Zuschauer weiblich sind. (Quelle: dpa)

Eine Erhebung der DFL nach der Saison 2007/2008 ergab, dass 23% der Stadionbesucher weiblich sind. Oder um es mit den Worten von Nicole Selmer zu sagen: „Eins, zwei, drei, Frau, fünf, sechs, sieben, Frau“

In wie fern die Frauen in den letzten 100 Jahren aus Interesse und Spass am Spiel ein Stadion besucht haben, oder eben nur, um einen Mann zu begleiten, um gesehen zu werden, als Teil eines Familienausflug oder um einem gut aussehenden Spieler zu zujubeln, das lässt sich nur schwer nachvollziehen. Wie man den obigen Zahlen entnehmen kann, geht aber der typische weibliche Fussballfan von heute nicht wegen eines knackigen Fußballerhintern ins Stadion, sondern laut einer dpa-Nachricht von 2009, um ein spannendes Spiel zu sehen und „zu genießen, dass die Arenen sicherer und komfortabler geworden sind“.

Wissenswertes zum Frauenfußball und warum ich mit einem Bundesligatrainer verwandt bin

Während meine eigene Fußballkarriere schon im Keim erstickt wurde – Anfang der 80er Jahre versuchte der örtliche Sportverein vergeblich, eine Mädchenmannschaft auf die Beine zu stellen – war meine Mutter bereits in den 60er Jahren als Torfrau aktiv. Dadurch war es für mich etwas
Selbstverständliches, dass auch Mädchen und Frauen Fußball spielen.

Aber das war nicht immer so. Um 1925 wurde Frauenfußball nur „wild“ gespielt und die, denen, die das taten wurde mitgeteilt, dass Fußball ein männliches Kampfspiel sei. 1930 wurde der 1. DFC Frankfurt, der erste Damenfußballclub in Deutschland, gegründet. Aber durch die Vorboten der NS-Zeit war das Vorhaben Frauenfußball zum Scheitern verurteilt (Bsp: kein Leistungssport um sich für Schwangerschaft und Geburt nicht zu schwächen)

1936 erklärt der DFB, dass die Eigenarten des Fußballs nicht dem Wesen der Frau entsprechen und auch in der Nachkriegszeit ändert sich nichts an dieser Einstellung. Als sich nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 immer mehr Frauen für Fußball interessieren, will sich der DFB nicht mit Frauenfußball beschäftigen und verbietet den Frauen das Fußballspielen „aus ästhetischen Gründen und grundsätzlichen Erwägungen“.

Was die Frauen allerdings nicht stört, sie kicken außerhalb des DFB weiter. 1956 findet das erste Fußball-Länderspiel der Damen statt (Westdeutschland gegen Westholland, 2:1, Zuschauerzahl: 18.000). Erst als um 1970 herum über die Gründung eines eigenen Dachverbandes nachgedacht wird, wird das Verbot offiziell aufgehoben.

1974 wird schließlich die erste Deutsche Frauenfußball Meisterschaft ausgespielt. 1981 erhält der DFB eine Einladung zur inoffiziellen Frauenfußball WM nach Taiwan und schickt den amtierenden deutschen Meister, SSG Bergisch Gladbach, der tatsächlich Weltmeister wird. Es wird also Zeit, eine Nationalelf zu bilden und deren erstes Länderspiel findet 1982 statt.

Es folgt der Sieg bei der Europameisterschaft 1989. Die Siegprämie war im Zuge der WM 2011 in aller Munde: Ein Tafelservice in 1B-Qualität.

Und nun komme ich zu meinem „prominenten“ Onkel zweiten Grades ;)

Als 1989 Fußball-Bundesliga der Frauen gegründet wurde, war ein Verein aus unserer Region Gründungsmitglied. Dazu muss ich sagen, dass ich im Einzugsgebiet des Südbadischen Fußballverbandes aufgewachsen bin. Die jeweils beste Mannschaft der DFB-Mitgliedsverbände hat sich automatisch als Gründungsmitglied qualifiziert. Für den Südbadischen Fußballverband war das der TuS Binzen. Ende der 80er Jahre wurde die Damenmannschaft des TuS Binzen in sechs Jahren fünf Mal Meister und fünf Mal Pokalsieger. Leider hat das nicht viel genutzt, denn die Mannschaft wurde in der Bundesliga – Gruppe Süd – Tabellenletzter und ist sofort wieder abgestiegen.

Nichts desto Trotz hat der TuS Binzen ein Jahr in der Fußball-Bundesliga der Frauen gespielt und der damalige Trainer, Gerhard „Teddy“ Böhringer, ist eben mein Onkel zweiten Grades. Durch diesen privaten Bezug zur Mannschaft habe ich mit meiner Familie gelegentlich die Bundesligaspiele besucht.

Doch genau hier liegt ein Riesenmanko, denn obwohl der Mädchen- und Frauenfußball boomt und Deutschland mehrfach Welt- und Europameisterschaften gewonnen hat, lag der Zuschauerschnitt in der Saison 2010/2011 bei unter 900 Zuschauern, davon sind übrigens 60% Männer.

Und noch so einiges unterscheidet die Fußballerinnen von ihren männlichen Kollegen. Sie spielen z.B. nicht in großen Hightech-Stadien und müssen einer „echten“ Arbeit nachgehen, weil sie vom Fußball alleine gar nicht leben können.

Fazit: Der Frauenfußball lebt, aber da ist in allen Bereichen noch Luft nach oben.

Wer am Thema Frauen und Fußball Gefallen gefunden hat, dem empfehle ich das Netzwerk Frauen im Fußball

21 Gedanken zu „EM-Abseits #1 – Frauen und Fußball“

  1. Wow, was für ein Beitrag! Total interessant und wissenswert geschrieben. Von mir gleich mal echt ein Fleißkärtchen!

    Ich finde es super, dass auch Deine Mutter schon aktiv war und Du uns gezeigt hast, dass es eine ziehmlich lange Tradition gibt!

    Mella

    1. Nun kannst Du sehen, worüber ich mir Gedanken gemacht hatte, ich denke, der Beitrag ist zu lang, aber ich wusste auch nicht, was ich hätte weglassen sollen ;)

  2. Jap…
    Ein wirklich sehr schöner und informativer Beitrag. Definitiv NICHT zu lang.
    Und da haben wir es doch: Der DfB verbietet Frauen das spielen und hebt das Verbot erst auf, als Die sich selbstständig machen wollen… Und da hat sich bis heute an der Einstellung so manch eines DfB Mitgliedes nichts geändert.

  3. Danke für den tollen Artikel und den geschichtlichen Hintergrund! War sehr interessant zu lesen :-) Und gut, dass du nichts weggelassen hast!
    Auch von mir ein Fleißkärtchen! Grüßle Susanne

  4. […] Sieg bei der Europameisterschaft 1989. Die Siegprämie war im Zuge der WM 2011 in aller Munde: Ein Tafelservice in 1B-Qualität.[..]

    Jaja. Daran kann ich mich auch noch erinnern. Vor allen dingen an das Gelächter als vorsichtig darauf hingewiesen wurde, das es ein unpassender „Pokal“ ist.
    Im Vergleich zu den Millionen auf der Männerseite…

    Ein schöner Beitrag. Du erwähnst auch fast des Rätsels Lösung, welches ich auf meinem Artikel veröffentlichte. ;)

    Vielen Dank und weiter so. :)

    Beste Grüße aus Berlin
    Timm

  5. Pingback: RätselTiB

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